17. WISSENSCHAFTLICHE JAHRESTAGUNG DER DGSF
VON DER NEUTRALITÄT ZUR PARTEILICHKEIT – SYSTEMIKERINNEN MISCHEN SICH EIN
12. - 14. Oktober 2017 in München
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF mit Tobias von der Recke
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF
Tobias von der Recke
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das misw freut sich sehr, Sie zur 17. Wissenschaftlichen Jahrestagung in München begrüßen zu dürfen, in diesem Sinne ein herzliches „Grüß Gott“, wie wir in Bayern sagen. „Von der Neutralität zur Parteilichkeit – SystemikerInnen mischen sich ein“ ist unser Tagungsthema und als wir uns zu diesem Thema im Januar 2015 entschlossen haben, war die Welt noch etwas weniger verrückt als wir sie heute vorfinden. Wie kamen wir auf dieses Thema? Von Ausnahmen abgesehen haben sich die psychotherapeutischen Schulen wie Psychoanalyse, Verhaltenstherapie oder „unsere“ systemische Therapie in den letzten 20 Jahren aus politischen Diskursen verabschiedet, an denen sie bis in die neunziger Jahre zum Teil sehr leidenschaftlich beteiligt waren. Parallel zu einer gesellschaftlichen Entwicklung zunehmender Individualisierung scheinen auch Therapie und Beratung den Bezug zu den historischen und gesellschaftspoltischen Dimensionen ihres Tun weitgehend verloren zu haben. Die Politik wurde anderen überlassen, es sei denn, berufspolitische Interessen wurden berührt, deren Vertretung dann tatkräftig in die Hand genommen wurde. Dieses Engagement gilt es nicht kleinzureden, ihm verdanken auch wir SystemikerInnen, in der Beratungs- und Therapieszene ernst genommen zu werden, die mögliche sozialrechtliche Anerkennung der systemischen Therapie wäre in diesem Sinne ein lange ersehnter Durchbruch, auch wenn er natürlich nicht ohne Nebenwirkungen zu haben ist. Die berufspolitische Vertretung scheint uns aber zu wenig. Beratungs- und Behandlungsbedarf entsteht nicht ohne Kontext und dieser Kontext ist größer als die Kleinfamilie und deren Verwandtschaft. Ohnmacht, Überforderung, Traumatisierungen, Verarmung, Gewalt, Bindungsbrüche oder Suchterkrankungen entstehen nicht ausschließlich auf dem Boden einer genetischen Disposition oder einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung. Sie entstehen auch vor dem Hintergrund einer sich verändernden Gesellschaft, in der es für viele Menschen deutlich mühsamer geworden ist, eine stabile Identität zu entwickeln und einen guten und sicheren Platz zu finden. Sie entstehen auch auf dem Boden einer Entwicklung in der Welt (Stichwort Globalisierung), in der wirtschaftliche Interessen weitgehend das Kommando übernommen haben und seelische Gesundheit in die Verantwortung des Individuums und (bestenfalls) seiner Familie delegiert wird. Sie entstehen immer auch vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen, deren mangelnde Aufarbeitung ein kollektives Problem manifestiert, das nicht in individuellen Beratungsprozessen oder Familientherapien zu lösen ist. Und sie entstehen in einer Zeit, in der Demokratie den Charakter ihrer Selbstverständlichkeit eingebüßt hat, weil die grundlegenden Werte politischer Ideologien verschwimmen und damit populistische Initiativen zunehmend hoffähig und beliebter werden. Mögllicherweise haben wir mit der Wahl des Themas auch den Preis einer vergleichsweise geringen Teilnehmerzahl bezahlt. Wenn dem so ist, wären wir ja schon mitten im Thema und können darüber nachdenken und diskutieren, wie wir Politik und Geschichte in unseren Beratungen, Therapien, Supervisionen, Organisationsentwicklungen und Weiterbildungen wieder ein stärkeres Gewicht geben können. Knapp drei Wochen nach der Bundestagswahl, deren Ergebnisse uns nicht überrascht und gleichzeitig sehr schockiert haben, eröffnen wir uns unsere Tagung und freuen uns sehr auf intensive Begegnungen, inspirierende Foren, lebendige Foren, belebende Foren und natürlich ein paar gute Antworten auf die Frage, wie wir uns als SystemikerInnen gesellschaftspolitisch verorten und an den Stellen einmischen können, wo es aus unserer Sicht notwendig ist. Ihr / Euer Tobias von der Recke Institutsleiter Münchner Institut für Systemische Weiterbildung (misw)
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF mit Dr. Björn Enno Hermans
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF
Dr. Björn Enno Hermans
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich schreibe dieses Grußwort im Februar. Donald Trump ist seit wenigen Wochen Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Seither haben sich viele Befürchtungen erfüllt. Wer weiß, wie es im Oktober sein wird, wenn Sie während der DGSF-Jahrestagung dieses Programmheft in Händen halten und in Deutschland Bundestagswahlen stattgefunden haben. Das Motto der Jahrestagung, „SystemikerInnen mischen sich ein“, hätte nicht aktueller gewählt werden können. Als ich es das erste Mal hörte, war ich dennoch irritiert. „Von der Neutralität zur Parteilichkeit“ – da zuckt man erst einmal zusammen. Neutralität ist im beraterischen oder therapeutischen Umgang mit KlientInnen schließlich wichtig und richtig, gilt vielen als eine Grundlage systemisch orientierten Vorgehens. Und Parteilichkeit braucht schon ein vorangestelltes „All“, um auf den ersten Blick nicht beinahe korrupt zu klingen und um keine Assoziationen von heimlich zugesteckten knisternden Geldumschlägen, donnernd unrecht sprechenden Richtern und schmierigen, mafiösen Gestalten zu wecken. Parteilich beraten, therapieren, coachen – das können wir als größter systemischer Fachverband doch nicht ernsthaft wollen und fordern! Oder doch? Parteilichkeit muss schließlich aber nicht bedeuten, die eigenen oder auch fremden Interessen mit unfairen Mitteln durchzusetzen. Parteilichkeit kann auch bedeuten, dass man Position bezieht. „Jetzt können wir endlich herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten“, so ein Twitterspruch, der kürzlich durch die sozialen Netzwerke ging. Sich einzumischen heißt, die eigene Verantwortung für die Welt, in der man lebt, wahrzunehmen, mir selbst und anderen meine eigene Position zuzumuten. Es bedeutet Kongruenz mit denen von meinen Werten, die nicht verhandelbar sind. Das hat seinen Preis: Konflikte, Unfrieden, Widerspruch, Disharmonie, Mühe. Es ist aber der einzige Weg zu einem echten Austausch und zu echter Auseinandersetzung mit anderen Positionen. Ich danke dem ausrichtenden Institut misw für diesen Gedankenimpuls, für die aufwändige Organisation und Durchführung der wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF und das damit verbundene Engagement. Uns allen wünsche ich eine Tagung, die zum Ein- und Mitmischen einlädt und anspornt! Ihr / Euer Dr. Björn Enno Hermans Vorsitzender der DGSF
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF mit Melanie Huml
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF
Melanie Huml
Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie heuer für einen bayerischen Tagungsort entschieden hat, um ihre 17. Wissenschaftliche Jahrestagung abzuhalten. Ein herzliches "Grüß Gott" in München! Hier können Sie den wissenschaftlichen Austausch ideal mit den vielen Möglichkeiten kulturellen Erlebens kombinieren. Die Systemische Therapie ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass das soziale Umfeld der Hilfesuchenden in den therapeutischen Prozess miteinbezogen ist. Darüber hinaus ist diese Therapieform seit 2008 in Deutschland als Psychotherapieverfahren wissenschaftlich anerkannt. Um jedoch in der kassenfinanzierten Regelversorgung endgültig Fuß zu fassen, muss die Systemische Therapie bei Erwachsenen als Psychotherapieverfahren ihren Nutzen im Vergleich zu anderen Verfahren nachweisen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat dazu das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beauftragt. Aus dem nun seit 2016 vorliegenden, viele hundert Seiten umfassenden Vorbericht dieses Instituts ergeben sich Anhaltspunkte für einen Nutzen der Systemischen Therapie im Vergleich zu einigen Richtlinienverfahren bei erwachsenen Patientinnen und Patienten, so zum Beispiel beim Störungsbereich Gemischte Störungen. Spannend finde ich Ihr Bestreben, historische und gesellschaftspolitische Aspekte auch unter systemischen Gesichtspunkten zu betrachten. Das Tagungsthema "Von der Neutralität zur Parteilichkeit - Systemikerlnnen mischen sich ein" verspricht interessante und kontroverse Diskussionen. Für ihre 17. Wissenschaftliche Jahrestagung wünsche ich der Deutschen Gesellschaft für Systemisehe Therapie, Beratung und Familientherapie gutes Gelingen! Ihre Melanie Huml MdL Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF mit OB Dieter Reiter
Grußwort zur 17. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF
OB Dieter Reiter
Ich freue mich sehr, dass die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) ihre Wissenschaftliche Jahrestagung in diesem Jahr in München abhält und begrüße alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr herzlich. Die DGSF und die Stadt München haben das gemeinsame Anliegen, für Familien in schwierigen Lagen die bestmögliche Hilfe zu gewährleisten. Auch das Schwerpunktthema der Tagung, wie historische und politische Einflüsse in die therapeutische und sozialpädagogische Arbeit hineinwirken, ist für die Stadt höchst relevant. Ob in der Bezirkssozialarbeit, der Asylsozialberatung, den Erziehungs- und Familienberatungsstellen, den sozialpsychiatrischen Diensten oder auf anderen Feldern der sozialen oder therapeutischen Arbeit - gesellschaftliche Einflussfaktoren wie etwa Armutsgefährdung oder Fluchthintergrund spielen eine wesentliche Rolle. Sie haben auch große Bedeutung für die Münchner Stadtpolitik, die über 60 Prozent ihrer Ausgaben für den Sozial- und Bildungsbereich verwendet und zum Beispiel auch einen umfangreichen Integrationsplan für Flüchtlinge aufgelegt hat. Darüber hinaus hat sich München in den letzten Jahrzehnten verstärkt seiner historischen Verantwortung als ehemaliger „Hauptstadt der Bewegung“ des verbrecherischen NS-Regimes gestellt und sich bemüht, dieses dunkelste Kaptitel der Stadtgeschichte aufzuarbeiten. Auch darin gibt es Berührungspunkte mit der therapeutischen Arbeit, weil die weitreichenden Folgen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges über Generationen wirken und deshalb bis heute in Beratungs- und Therapieprozessen eine Rolle spielen. Dies alles sind Themen, die zu einer entschiedenen Parteinahme auffordern, aber auch zum Engagement für soziale Gerechtigkeit, Toleranz und die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft – ganz im Sinne des Mottos der 17. Wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSF „Von der Neutralität zur Parteilichkeit – SystemikerInnen mischen sich ein“. Daher wünsche ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine fruchtbare Diskussion und einen angenehmen Aufenthalt in unserer schönen Stadt!